Denkt daran, liebe Brüder und Schwestern: Jeder soll stets bereit sein zu hören, aber sich Zeit lassen, bevor er redet, und noch mehr, bevor er zornig wird.

Jakobus 1,19

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Es gibt Bibelworte, da weiß ich gar nicht, was ich noch ergänzend oder erläuternd schreiben könnte. Der Monatsspruch für Juli ist solch einer: Jeder soll stets bereit sein zu hören, aber sich Zeit lassen, bevor er redet, und noch mehr, bevor er zornig wird. Ein schöner, klar formulierter Dreischritt. Alles Selbstverständlichkeiten. Alles deutlich und verständlich. Jedoch ist es praktisch nicht immer so klar.

Wie so oft steckt bei näherem Betrachten die Tücke im Detail. Das fängt schon mit der Bereitschaft an, zuzuhören. Normalerweise lebt ein Gespräch ja vom wechselseitigen Hören und Reden. Redet nur eine beteiligte Person und eine andere muss nur hören, stockt das Gespräch bald. Sagen beide nichts, kommt gar kein Gespräch zustande. Reden beide zugleich – nun ja, dies ein Gespräch zu nennen, wäre übertrieben. Hören und Reden – und dies in dieser Reihenfolge – empfiehlt der Apostel den Menschen seiner Gemeinde, damit diese gut miteinander ins Gespräch kommen können.

Es gibt es Situationen, in denen wir herausgefordert werden, einmal nichts zu sagen und nur zuzuhören. Das sind meist eher unangenehme, herausfordernde Gespräche. Wer nur hört, gerät emotional in die Defensive. Wer nur hört, fühlt sich schnell in einer Position eines Angeklagten. Sprechende wären zu Klägern. Ob das zu Recht oder Unrecht so sein mag, ist dabei nicht immer entscheidend. Entscheidender ist, dass die miteinander Sprechenden sich bewusst werden, wie sie miteinander kommunizieren.

Da greift der zweite Schritt: „Lass dir Zeit mit den Worten“. Wer redet, trägt die Verantwortung für das, was er sagt. Unbedachte Worte, die schnell über die Lippen kommen, bergen oft ein hohes Verletzungspotential in sich. Vielleicht gerade dann, wenn man meint, endlich mal zum Zuge zu kommen, und aufgestaute Gedanken und Worte sich Bahn brechen. Sich Zeit lassen, durchatmen, und - wie meine Großmutter gern zu sagen pflegte – Gehirn einschalten ist ein sehr hilfreicher Tipp.

Der Zorn findet auch seinen Platz. Unsere Gefühle gehören zu uns und gehören auch zu unseren Gesprächen, ja auch zu unseren konflikthaften Wortwechseln. Diese zu verbieten oder unterdrücken zu wollen, wäre albern. Manchmal müssen wir lernen, dass auch ungute Gefühle wie der Zorn gesprächsführend werden können. Und lernen, dass wir unseren Gefühlen keinen Freibrief einräumen. Affektive Äußerungen und unbeherrschte Reaktionen sind keine Entschuldigungen für verletzende Worte.

Denkt daran, liebe Brüder und Schwestern: Jeder soll stets bereit sein zu hören, aber sich Zeit lassen, bevor er redet, und noch mehr, bevor er zornig wird. Nicht zu übersehen dabei die Anrede, Jakobus schreibt keinen Gesprächsleitfaden, sondern er sorgt sich um das Klima in seiner Gemeinde. Die Schwestern und Brüder in ihrem Miteinander standen in der Gefahr, einander zumindest mit Worten zu verletzen. Nicht erst heutzutage, wo in sozialen Medien oft rüde Töne herrschen, ist das Gebot verletzungsarmer Kommunikation notwendig. Immer, wenn Menschen zusammenkommen, kann es auch Konflikte geben. Wir als Jesusnachfolgerinnen und Nachfolger dürfen uns bewusst auf unsere Erlösung berufen und diese auch in unsere Kommunikation einfließen lassen. Ein weites, herausforderndes, schönes Lernfeld, auf das wir uns immer wieder neu gemeinsam begeben dürfen.

Euer Pastor Volker Schmidt