Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

Sprüche 16,24

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Ganz sicher bin ich mir nicht, was Honigseim ist. Im Duden steht: „veraltet für ungeläuterten Honig, wie er aus den Waben abfließt“. Alles klar? Nein, mir noch nicht. Also weiter zu Wikipedia und da lerne ich: Blütennektar und Honigtau sind die Grundstoffe für den späteren Honig, der aus dem Seim gewonnen wird. Aha. Honigseim ist also das frische Produkt der Bienen, das Beste, was Natur und Bienen aufbieten.

So sollen unsere Reden sein. Im ersten Moment bin ich etwas irritiert. Sollen wir anderen also den sprichwörtlichen „Honig ums Maul schmieren“? Nein, sicher nicht. Wir sollen ja gar nichts. Dieser Spruch aus der weisheitlichen Literatur des Volkes Israel ist keine Handlungsanweisung, beinhaltet keinen Imperativ. Dieser Satz beschreibt etwas, nämlich die Folgen von etwas Gesagtem.

Welche Wirkungen unsere Worte haben können, wissen wir alle nur zu gut. Und mehrere biblische Verfasser setzen sich mit den gesprochenen Worten und ihren Wirkungen auseinander. Die Zunge als Sinnbild schneller Worte und auch unbedachter Wirkungen ist ebenso sprichwörtlich geworden. „Hüte deine Zunge!“, rufen wir jemanden zu, der allzu leichtfertig und unbedacht seine Worte in den Raum und anderen an den Kopf wirft. Der Apostel Jakobus wird in einem neutestamentlichen Schreiben ein ganzes Kapitel der Zunge widmen und den Wirkungen, die sie als Sprachorgan hervorrufen kann.

Hier aber steht die Zunge für das Geschmacksorgan: Die Zunge redet nicht, sie schmeckt. Und was sie schmeckt! Süß und lecker ist der Honig, so pur ist er eine Dosis feinster Süße. Ja noch mehr: Seine Inhaltsstoffe sind – so lese ich – natürliche Zuckerformen, die entgegen industriell hergestelltem Zucker gesundheitlich unbedenklich sind und in ihrem natürlichen Zusammenspiel mit Mineralstoffen und Aromen tatsächlich heilsam wirken und Wohlbefinden auslösen. Der Honig ist also beinahe schon ein kleines Wundermittel, dessen Wirkungen uns weitgehend verborgen sind.

Wie solch ein kleines Wundermittel wirken auch freundliche Worte. Es geht nicht darum, jemandem Honig um den Mund zu schmieren, sondern es geht vielmehr darum, freundliche Worte zu finden. Klar denke ich da gleich an unsere zwischenmenschliche Kommunikation, wie wundervoll können da freundliche Worte wirken. Ohne Frage ein wichtiger Aspekt.

Aber dann denke ich auch an meine Kommunikation mit mir selbst. Wie oft sage ich mir wenig schmeichelhaft: „Ach ich Idiot!“. Situationen gibt’s viele. Einen Termin vergessen: „Ach ich Trottel!“ Einen wichtigen Anruf verpasst: „Man, ich Holzkopf!“ Einen gutgemeinten Rat in den Wind geschlagen: „Ich bin so dumm!“ Oder einfach jemanden aus Versehen angerempelt: „Ach verzeihen Sie, ich bin so ungeschickt!“ Die Liste solcher Selbstbeschimpfungen und Selbstkleinmachereien ist bei mir erschreckend lang. Und solche Worte gehen mir in Gedanken schnell über die Lippen. Und auch wenn sie unausgesprochen bleiben und sie kein anderer hört als nur die hellwachen Ohren meiner Seele, diese Worte wirken. Freundliche Worte aber zu mir selbst, die tun mir gut. Ja mehr noch! Freundliche Worte sind süß für meine Seele und heilsam für meine Glieder. Ich möchte lernen auch zu mir selbst freundlich zu sein, denn das - so verheißt es dieses Bibelwort – tut mir gut.

Und noch ein Effekt: wenn ich freundlich mit mir rede, kann ich es auch mit anderen tun. Bin ich ein Holzkopf, wird es der andere für mich auch ganz schnell. All die Un-Nettigkeiten, die ich mir zudenke, widme ich irgendwann auch anderen. Warum den Spieß also nicht einmal umdrehen? Und freundliche Worte, die ich anderen widmen möchte, auch einmal mir selbst sagen? Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Meine freundlichen Worte, mir selbst gesagt, sind süß für meine Seele und heilsam für meine Glieder. Und freundliche Worte zu mir sind es dann allemal.

In diesem Sinne: Guten Appetit mit einem guten Löffel „feinsten Honigseim“ wünscht euch

Euer Pastor Volker Schmidt