Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.

1. Mose 9,13-16

joomplu:844Eine Erinnerung an seinen Bund stellt Gott mittels Monatsspruch an den Anfang des neuen Jahres. Es ist eine eigenartige Erinnerung. Denn Gott erinnert nicht etwa uns Menschen – „Denkt an den Bund, wenn ihr den Bogen seht!“ – sondern Gott erinnert sich selbst: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke.“ Das hebräische Wort meint dabei viel mehr als nur ein erinnern, um nicht zu vergessen. Das geht mir ja öfter so. Ich muss mir Dinge aufschreiben, damit ich sie nicht vergesse. Ich benötige Hilfsmittel, damit der Alltag funktioniert: Der Schlüssel in den Schlüsselkasten – und wehe ich halte mich nicht daran, endloses Suchen ist die Folge. Aber der Bogen ist keine solche Erinnerungshilfe für Gott: „Ach guck mal, der Regenbogen, war da nicht noch etwas mit den Menschen?“ Nein, dieses hebräische „gedenken“ zielt tiefer. Es hat, wie wir heute sagen würden, so etwas wie eine pädagogische Absicht. Erinnern, gedenken beinhaltet einen Lerneffekt. Ganz salopp formuliert: Gott erinnert sich nicht etwa an etwas - „Da ist schon wieder ein Bogen, was war denn da?“ – sondern Gott lehrt sich selbst und lernt: „Dieser Bogen soll mich daran erinnern, dass ich es dennoch gut mit der Schöpfung meine.“

Genesis 9 sagt also vielmehr über Gott aus, als über uns Menschen.

Wir lesen diesen Text ja gern mit unserer Brille: Die Menschen haben Mist gebaut, ja sie haben es ganz ordentlich versemmelt, die Sache mit Gott und der Schöpfung. Aber dann kam ja die Flut – Pech für die, die es traf – und seitdem kann uns gar nichts mehr passieren. Gott hat sich ja festgelegt: Nie mehr solche Flut! Und der Regenbogen schaukelt uns in diese vermeintliche Sicherheit vor und wurde seitdem Symbol für alles und nichts, frei nach dem Motto, es wir schon nichts passieren. Der Bogen wurde Freibrief. Und viel ungehemmter und grenzenloser, als dies in Noahs Tagen überhaupt je vorstellbar war, werden heute Menschen und Schöpfung gleicherweise zerstört und Gott gelästert, als gäbe es ihn nicht. Aber wir haben ja den Bogen, was soll uns schon passieren?!

Mit all meiner völlig bruchstückhaften Vorstellungskraft und meinen durchaus anthropologischen Übertragungen aufs Gottesbild stelle ich mir vor, wie sehr Gott leiden muss. Es ist doch kaum auszuhalten, wie sehr Menschen und Umwelt gequält werden. Und da meine ich nicht die nobel-hobel-Feinstaubprobleme einer Wohlstandsgesellschaft. Nein, da sehe ich die Bilder tausendfach hungernder Kinder – von denen gerade jetzt eins, während ich das Wort tippe, stirbt, an Hunger verendet. Wie ein Tier. In den Armen der klagenden Mutter. Ist das auszuhalten? Ist das auszuhalten, dass Kinder geschlagen, Männer gefoltert, Frauen vergewaltigt werden? Ist das auszuhalten, dass das Meer verplastikt, der Regenwald vertrocknet, das Wasser versiegt, die Dürre alles verbrennt? Ist das alles auszuhalten? Wenn ich Gott wäre, so viele Wolken könnte ich gar nicht hin und herschieben, damit es dutzendfach Bögen gäbe, die mich daran erinnern müssten, nicht mit der Faust dreinzuschlagen angesichts all dieser ungezählten Verbrechen an Menschen und an Schöpfung.

Gott sei Dank bin ich nicht Gott und Gott sei Dank ist Gott unser Gott! Und über diesen unfassbar! gnädigen Gott lese ich in Genesis 9. Ich lese, dass unser Gott sich selbst eine Erinnerungshilfe schaffen muss, eine Erinnerungshilfe seiner Güte und Gnade: Der Bogen erinnert daran, dass Zeit der Gnade ist. Und ich lese, dass ich Genesis 9 falsch verstehe, wenn ich den Bogen als Freibrief für all das nutze, was Gott selbst ablehnt und verurteilt: Missbrauch von Mensch und Schöpfung gleichermaßen. Denn der Bund beinhaltet das Gute und lehnt das Böse ab. Der Bund beinhaltet das Gute für Mensch und Tier, für Mensch und Umwelt!

Leider ist es gerade, während ich diese Zeilen schreibe, grau und trüb. Aber wenn ich die Augen schließe, sehe ich den Bogen über mir. Den Bogen, den Gott sich gesetzt hat, damit es mir gut gehen kann. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich den Bogen über mir und weiß den gnädigen und barmherzigen Gott mir ganz nah. Zeit also, für einem Moment die Augen zu schließen, findet

Euer Volker Schmidt