Gedanken am Anfang

Die monatliche Andacht von unserem Pastor Volker Schmidt, die traditionell am Anfang unseres Gemeindebriefes steht und den jeweiligen img grey Monatsspruch auslegt.

Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.

1. Mose 9,13-16

book-1209805_400Eine Erinnerung an seinen Bund stellt Gott mittels Monatsspruch an den Anfang des neuen Jahres. Es ist eine eigenartige Erinnerung. Denn Gott erinnert nicht etwa uns Menschen – „Denkt an den Bund, wenn ihr den Bogen seht!“ – sondern Gott erinnert sich selbst: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke.“ Das hebräische Wort meint dabei viel mehr als nur ein erinnern, um nicht zu vergessen. Das geht mir ja öfter so. Ich muss mir Dinge aufschreiben, damit ich sie nicht vergesse. Ich benötige Hilfsmittel, damit der Alltag funktioniert: Der Schlüssel in den Schlüsselkasten – und wehe ich halte mich nicht daran, endloses Suchen ist die Folge. Aber der Bogen ist keine solche Erinnerungshilfe für Gott: „Ach guck mal, der Regenbogen, war da nicht noch etwas mit den Menschen?“ Nein, dieses hebräische „gedenken“ zielt tiefer. Es hat, wie wir heute sagen würden, so etwas wie eine pädagogische Absicht. Erinnern, gedenken beinhaltet einen Lerneffekt. Ganz salopp formuliert: Gott erinnert sich nicht etwa an etwas - „Da ist schon wieder ein Bogen, was war denn da?“ – sondern Gott lehrt sich selbst und lernt: „Dieser Bogen soll mich daran erinnern, dass ich es dennoch gut mit der Schöpfung meine.“

Genesis 9 sagt also vielmehr über Gott aus, als über uns Menschen.

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.

Matthäus 2,10

book-1209805_400„Das steht in den Sternen.“, sagt man, wenn man auf Fragen nach kommenden Dingen keine Antwort weiß. „Das steht in den Sternen.“, sagt man, wenn man nicht weiß, wie manches werden wird oder soll. So weit weg, wie die Sterne, so weit weg ist eine Antwort. Sternchen hingegen sieht man, wenn man das unmittelbar vor einem stehende Hindernis, zum Beispiel eine Glastür, übersieht und mit dem Kopf dagegen läuft. Je nach Heftigkeit des Stoßes werden aus Sternchen dann auch schon mal Sterne. Diese sprichwörtlichen Sterne kommen also ins Spiel, wenn einem ein Ding zu nahe kam. Beides entdecke in der Erzählung des Evangelisten Matthäus von den Weisen aus Arabien.

Sie waren Wissenschaftler, die die Geheimnisse des Lebens, der Erde und des Universums erforschten. Sie waren Ärzte und Physiker in einem, sie konnten anhand von Symptome Krankheiten erkennen und anhand des Standes der Gestirne am Himmel die Uhrzeit lesen. Sie konnten die Phänomene des Wetters deuten und Menschen raten, was zu tun und was zu lassen sei. Das dies alles nicht unseren Standards entsprach, liegt auf der Hand. So glaubte man, dass jedem Menschen ein Stern zugeeignet sei. Wird ein Mensch geboren, geht ein Stern mit ihm auf. Stirbt er, vergeht auch sein Stern. In diesen Glauben hinein leuchtet ein neuer Stern so unübersehbar hell, dass sich die Weisen, die übrigens weder zu dritt unterwegs waren, noch Melchior, Balthasar und Caspar hießen, auf die Suche nach dem begaben, der zu diesem Stern gehören musste. Sicher musste es ein König sein, so hell wie sein Stern aufging!

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

Offenbarung 21,1-16

book-1209805_400Als „Trostbuch“ für die jungen, verfolgten Christengemeinden bezeichnete mein verehrter Lehrer Adolph Pohl in seiner Vorlesung zum Buch die Offenbarung. Und auch wer nur diese Verse aus dem Abschluss dieser gewaltigen und zutiefst beeindruckenden Zukunftsschau liest, erhält eine Ahnung davon, wie die oft zu Unrecht als düsterstes Buch der Bibel geschmähte Offenbarung trösten und Hoffnung geben kann. Ich kann diese Worte nicht lesen, ohne zutiefst berührt zu werden. Gänsehaut pur. Mit keinem anderen Bild in der Bibel wird die Hoffnung meines Glaubens so auf den Punkt gebracht, wie mit diesem. Und das liegt nicht daran, dass ich Campingfan bin und Luthers „Hütte“ sprachlich in Wahrheit ja das „Zelt“ Gottes mitten unter uns Menschen ist.

Nein, es liegt vielmehr in diesem zentralen „Gott mit ihnen, er wird ihr Gott sein“. Darin erfüllt sich mein Glaube. Darin kommt meine Hoffnung zum Ziel. Da finde ich Kraft, um den heutigen Tag vertrauend zu gestalten. Denn etwas, das heute und im Hier mir nur fragmentarisch und immer auch sich entziehend zur Verfügung steht, wird im Glauben doch vollumfänglich gegenwärtig: Der Gott mit uns. Der Emanuel bleibt nicht länger verborgen, bleibt nicht länger transzendent, er tritt aus Zweifeln und allem Suchen heraus und lässt sich finden. Der Profet Jesaja weckt diese Hoffnung erstmals, wenn er den kommenden Messias „Gott mit uns“, „Emanuel“ nennt. Matthäus wird dies später aufgreifen und den neugeborenen ganz Gott und zugleich ganz Mensch Jesus Emanuel nennen: Gott mit uns!

Jesus Christus spricht: Es ist vollbracht!

Johannes 19,30

bible-2167778_400Nur der Evangelist Johannes berichtet uns diese letzten Worte Jesu am Kreuz. Nur Johannes berichtet uns, wie Jesus kurz zuvor – schon als Gekreuzigter im Todeskampf – Sorge für seine Mutter trug und sie dem Jünger, „den Jesus liebhatte“, als Mutter anbefahl. Kurz lesen wir, dass Jesus dürstete und er mittels Schwamm seine Lippen mit Essig benetzt bekam. Als Jesus davon genommen hatte, sagte er: „Es ist vollbracht!“ Dann neigte er den Kopf und starb.

Nüchtern, beinahe emotionslos, schildert uns Johannes das Sterben Jesu. Er zeigt uns dabei einen Jesus, der auch in dem schlimmen Todeskampf noch die Kraft aufbrachte, für andere Menschen zu sorgen. Was für ein Mensch! Die anderen Evangelisten berichten davon, dass die unterm Kreuz Befindlichen mit diesem Staunen in der Stimme bekennen mussten: „Wahrhaftig, er ist doch Gottes Sohn gewesen!“.